Elektroauto – eine Vision mit Zukunft

Vortrag und Diskussion der ödp im Rahmen der Wahlen zum Europa-Parlament am 9. Mai 2009 im Hotel Brand, Bad Driburg

Woran denkt der Normalbürger eigentlich, wenn er das Wort Elektroauto hört? An schwere Bleibatterien, an kurze Reichweiten, an leistungsschwache Motoren mit geringer Beschleunigung und Spitzengeschwindigkeit, an einen zu hohen Kaufpreis, kurz: an eine noch nicht ausgereifte Technologie, an noch nicht marktfähige Produkte.

Daniel Quinger und Harald Seemann haben diese Vorurteile bei einem von der ödp organisierten Vortrag gründlich widerlegt. Eine Lithium-Ionen-Batterie für einen Mittelklassewagen hat ein Gewicht von ca. 250 kg und zurzeit eine Reichweite von ungefähr 200 bis 250 km. Ähnlich wie bei der Photovoltaik wird es in den nächsten Jahren hier noch zu erheblichen Effizienzsteigerungen kommen. In Beschleunigung und Spitzengeschwindigkeit ist das Elektroauto wegen des höheren Drehmoments jedem Benziner haushoch überlegen, was der Tesla Roadster, ein Elektro-Sportwagen aus Kalifornien, der jeden Porsche alt aussehen lässt, eindrucksvoll bewiesen hat. Tesla wird im Mai eine Filiale in München eröffnen.

Wo liegen also überhaupt noch Probleme? Technisch sind alle größeren Probleme gelöst oder stehen kurz vor der Lösung. Dass eine Lithium-Ionen-Batterie sich erhitzt und dann schnell ihren Geist aufgibt, wird von Kritikern gerne behauptet. Die Ansicht, daß solche Probleme unlösbar sind, ist allerdings falsch. Sie erfordern im Prinzip nur kreatives Denken der Ingenieure. Natürlich benötigt die Batterie eine bestimmte Betriebstemperatur (zwischen 15 und 30 Grad), bei der sie optimal arbeitet. Das zu erforschen und für unterschiedliche Autotypen technische Konzepte zu entwickeln ist das Ziel des Unternehmens LION Smart, von Daniel Quinger, Harald Seemann und jungen Ingenieuren der TU München gegründet. Bleibt die entscheidende Frage nach der Infrastruktur. Wie lässt sich ein Elektroauto „betanken“? Gibt es Ladestationen, ähnlich den Tankstellen für Autos mit Benzinmotoren? Da ist zunächst einmal die ganz normale Steckdose. Allerdings dauert ein für Batterie und Stromnetz schonender Ladevorgang ca. 2 - 4 Stunden, Schnelladungen sind in einer halben Stunde zu schaffen. Sie führen aber zu höheren Anforderungen an Batterie und Stromnetz, die mit der notwendigen technischen Kreativität in Zukunft ebenfalls lösbar sind. Für Berufspendler, die ihr Auto vorwiegend benutzen um zur Arbeit zu fahren, ließe sich die Batterie über Nacht in der Garage aufladen.

Was aber, wenn weite Strecken zurückzulegen sind? Hier wird zurzeit von dem kalifornischen Unternehmen betterplace ein System mit austauschbaren Batterien entwickelt. Jedes Elektroauto ist mit einem Navigationssystem ausgerüstet, das die nächste Ladestation vor Entleerung der Batterie anzeigt. Das Elektroauto fährt in eine Art Waschstraße, ein Robotergreifarm entnimmt von unten den Batteriepack mit den leeren Lithium-Ionen- Batterien und ersetzt ihn mit geladenen. Die „Betankung“ ist damit in wenigen Minuten abgeschlossen und die Fahrt kann fortgesetzt werden. Das Konzept von betterplace besteht darin, die gesamte Infrastruktur und die Austauschbatterien bereitzustellen. Der Fahrer erwirbt also nur ein Auto ohne Batterie, diese ist Eigentum des Infrastrukturanbieters betterplace. Es gibt mittlerweile mehrere Länder, in denen eine solche Infrastruktur mit hoher finanzieller Unterstützung der jeweiligen Regierung aufgebaut wird, eins dieser Länder ist unser Nachbar Dänemark. Ohne Batterie ist ein Elektroauto vom Anschaffungspreis unschlagbar, denn Getriebe, Auspuff, Kupplung und große Kühlsysteme werden überflüssig. Bremsvorgänge werden größtenteils über den Motor gesteuert, der gleichzeitig als Generator fungiert und mit überschüssiger Energie die Batterie auflädt. Das Bremssystem im Automobil wird somit kleiner, leichter und günstiger.

Jetzt wird der Auto-Freak fragen: Und wo bleibt der Motorsound? Schließlich ist das Auto ja auch ein Statussymbol. Anstelle des Auspuffs wird ein Lautsprecher installiert, über den beim Fahren oder Anfahren an der Ampel der Sound eines Ferraris oder jeder andere Sound erzeugt werden kann. Der reine Strompreis für 100 km beträgt mit einem Mittelklasse-Elektroauto etwa 2 Euro, das bedeutet wir bekämen damit nach heutigen Benzinpreisen das 1,5-Liter-Auto. Der Wirkungsgrad, die Ausnutzung der Energie also, ist bei einem Elektroauto im Gegensatz zu einem Benziner wesentlich größer. Während der Benzinmotor einen Wirkungsgrad von gerade einmal 20 % hat, ein Dieselmotor kommt auf einen etwas besseren Wert - sehr viel Energie wird als Wärme abgegeben und nicht in Bewegungsenergie umgesetzt - kommt ein Elektromotor auf über 80%. Mit den Lithium-Ionen-Batterien ist eine Energiespeichertechnik entstanden, die den Ausbau der regenerativen Energien geradezu erzwingt. Die Austauschbatterien in den Ladestationen könnten beladen werden, wenn regenerative Energie im Überfluss vorhanden ist, wenn z. B. der Wind weht und die Generatoren der Windräder große Mengen Strom erzeugen, die kaum noch in die Netze eingespeist werden können. Autos werden dann zu mobilen Energiespeichern, die den Abbau von Überkapazitäten bei der Stromproduktion ermöglichen. Jetzt versteht jeder, warum gerade ein Land wie Dänemark diese Entwicklung vorantreibt. So macht man sich unabhängig vom Erdöl und von anderen fossilen Energieträgern. Durch eine große Anzahl von Lithium-Ionen-Batterien entstünden Speicherkapazitäten, die eine Grundversorgung mit Strom gewährleisten und damit die Abschaltung von Kohle- und Atomkraftwerken möglich machen würden.

Der Co2-Ausstoß des Autoverkehrs, Hauptursache des Treibhauseffekts, ließe sich mit diesem technischen Konzept in den Griff kriegen. Und warum wird diese Zukunftstechnologie nicht im Autoland Deutschland entwickelt? Das wurde im Anschluss an den Vortrag von Daniel Quinger und Harald Seemann von den ödp-Mitgliedern und den Gästen heiß diskutiert. In Deutschland ist die Autoindustrie eine Schlüsselindustrie, schätzungsweise jeder 7. Arbeitsplatz hängt von ihr ab. Geld wird noch verdient mit den alten Benzinern, fragt sich allerdings wie lange noch. Ein weiterer Ölpreisanstieg ist zu erwarten, denn der Gipfel der weltweiten Erdölfunde (peak oil) liegt bereits mit über 40 Jahren weit in der Vergangenheit. Neue Vorkommen werden kaum noch erschlossen und der Bedarf nach Erdöl in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Indien und China steigt rasant. Politisch ist in Deutschland nur ein langsames Umsteuern in Richtung Elektroauto in Sicht. Es bleibt daher zu hoffen, dass es den großen Drei in Deutschland nicht eines Tages genau so ergeht wie den großen Drei in den USA.

Nach drei Stunden Vortrag und Diskussion beendete Wolfgang Seemann, der Fraktionsvorsitzende der ödp im Rat der Stadt Bad Driburg, den Abend mit einem herzlichen Dank an die Referenten. Dabei konnte er sich die Anmerkung nicht verkneifen, dass innovative Konzepte zur Lösung ökonomischer und ökologischer Probleme noch nie vom Mainstream in Wirtschaft und Politik, sondern immer nur von Querdenkern, von der breiten Öffentlichkeit kaum beachtet und manchmal belächelt, entwickelt wurden.